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Die nicht so ganz einfache "Geburt" … oder 133 Ritte nach Regensburg

5. Juli 2019

2019 feiert das Fürstentum Liechtenstein seinen 300. Geburtstag. An den Weiterführenden Schulen Triesen war deshalb am Mittwoch ein besonderer Schultag: Es gab nur Geschichte, dafür auf besondere Art.

Er begann mit einem Theaterstück über den Aufstieg in die Spitzengruppe der Reichsaristokratie (1719) und endete bei der herzlichen Erbprinzessin Sophie im Rosengarten des Schlosses Vaduz (2019). Dazwischen lag noch ein Besuch beim Regierungschef Adrian Hasler in Vaduz. Der Gewitterregen verlegte das Treffen vom Peter-Kaiser-Platz ins Innere des Regierungsgebäudes, und zwar in den Saal, der bis 2008 als Tagungsort des Landtags diente. Knapp 300 Jugendliche, dicht an dicht auf dem Boden sitzend, nach Aussage des Regierungschefs ein eindrückliches Bild und Novum.

 

„The Birth of a Nation“ – Fakten  und Dramaturgie

Der Reichstag war die allgemeine Versammlung der reichsunmittelbaren Stände des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Von 1663 bis 1806 war Regensburg Sitz des Immerwährenden Reichstags.

Die Fürsten von Liechtenstein hatten grosses Interesse daran, an der hohen Reichspolitik teilzuhaben, waren aber mangels reichsunmittelbarer Herrschaften bislang nicht reichsfürstenratsfähig. Sie wollten aber Stimme und Sitz auf der weltlichen Fürstenbank des Reichtags. Das hätte eine erhebliche reichspolitische Aufwertung und einen entsprechenden Aufstieg bedeutet. Die Fürsten von Liechtenstein hätten damit an der Reichspolitik, -gesetzgebung und -steuerbewilligung sowie an Entscheidungen über Reichskriege teilgenommen.

Johann Adam I. blieb es vorbehalten, die erfolglosen Bemühungen seiner Vorfahren um die Erlangung der Reichsfürstenwürde in die Tat umzusetzen. Der Kauf der Herrschaft Schellenberg (1699) und der Grafschaft Vaduz (1712) durch Johann Adam I. Andreas von Liechtenstein (✝1712) führte 1719 während der Regierungszeit von Anton Florian

(✝1721) zur Vereinigung der beiden Gebiete und zur Erhebung zum Reichsfürstentum Liechtenstein durch Kaiser Karl VI. Mission accomplished.

Der Einakter „The Birth of a Nation“, geschrieben und inszeniert von Geschichtslehrerin Renate Lanter und gespielt auf drei Bühnen in der Aula der WST von ihren Viertklässlern, zeigt pointiert und humorvoll den hürdenreichen Weg dorthin. To be fair, der Titel ist nicht exklusiv (man denke an die beiden gleichnamigen Filme von David W. Griffith [1915] und Nate Parker [2016]), dafür sind die entworfenen Szenen einmalig in ihrer Anschaulichkeit und Prägnanz.

Die drei Schauplätze sind: die Herrschaft Schellenberg/ Grafschaft Vaduz, der Kaiserhof in Wien und der Reichstag in Regensburg. Es treten auf: Fürst Johann Adam I. mit Beratern, der durch Kriege und Misswirtschaft verschuldete Graf von Hohenems, der an den Hexenprozessen verdienen will, ein Scharfrichter/Henker, vermeintliche Hexen, einfache ‚vorliechtensteinische‘ Bauern/Untertanen, der elitäre Kreis aller weltlichen und geistlichen Reichsfürsten im Reichstag zu Regensburg, die unter sich bleiben wollen, und schliesslich eben der fürstliche Abgesandte/Emissär/Unterhändler, der nach Ansicht der Autorin 133mal (!) nach Regensburg und zurück reitet, bis schliesslich alle Hindernisse aus dem Weg geräumt sind und der Deal endlich über die Bühne geht.

Ausstattung (Bauern kochen am symbolisch-offenen Feuer), Requisiten (Krone, Henkersmaske, Stempel für Vertrag, Pferd des unermüdlichen fürstlichen Reiters/einzelne Requisiten wurden noch während des Englandaufenthalts in London gekauft) und Kostüme (vom Jungen Theater Liechtenstein ausgeliehen) unterstützen die Handlung und machen es den Zuschauern leicht, dem Plot zu folgen. Dazu dienen auch Beleuchtung und Toneffekte, von Heinz Mühlegg trickreich umgesetzt. Aber was am meisten frappiert und begeistert und die jugendlichen Zuschauer von Anfang bis Ende im Bann der dargestellten Geschichte hält, ist die Spielfreude und Ausdruckskraft der darstellenden Jungs und Mädchen, ihre Konzentration und ihr Bemühen um das richtige Timing. Eine tolle Parforceleistung dieses Schüler-Ensembles! Eine rundum gelungene Produktion zum Ende ihrer Schulzeit und zum Geburtstag unseres Landes!

 

 

Mit den Erfahrungen von gestern gemeinsam auf dem Weg in die Zukunft

Mit diesem Leitgedanken, der sich durch das Jubiläumsjahr zieht und ausdrückt, dass nicht ausschliesslich die Geschichte des Fürstentums im Zentrum der Feierlichkeiten steht, sondern dass das Jubiläum auch als Gelegenheit genutzt wird, mögliche Wege unseres Kleinstaates für die Zukunft zu beleuchten, machten sich die Schülerinnen und Schüler der WST anschliessend zu Fuss auf den Weg Richtung Vaduz zum Regierungsgebäude, um dem Regierungschef ihre Sammlung von Wünschen zur Zukunft des Landes zu übergeben. Dieser zeigt sich erfreut über den zahlreichen Besuch, verspricht, die formulierten Gedanken aufmerksam zu lesen, und ermuntert die Jugendlichen, diese verantwortungsvolle Haltung als zukünftige politisch verantwortliche MitbürgerInnen beizubehalten.

Nach einem kurzen, aber steilen Aufstieg über den Schlossweg fanden sich die Schülerinnen und Schüler aus Triesen und Triesenberg im Rosengarten des Schloss ID Erbprinzessin Sophie gegenüber. In einer kurzen Ansprache begrüsste sie mit herzlichen Worten die Schülerschar und erklärte verständlich wichtige Etappen aus der Baugeschichte ‚ihres‘ Schlosses;  sie zeigte sich beeindruckt von den auszugsweise vorgetragenen Zukunftswünschen und bedankte sich für die überreichte Sammlung. Verständnisvoll und pädagogisch geschickt leitete sie dann zur Znünipause über und gesellte sich zu einzelnen Schülergruppen und Lehrpersonen.

Nach einem kurzen Abstieg nach Vaduz endete dieser aussergewöhnliche Schultag im Zeichen der 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein mit der Rückfahrt nach Triesen und Triesenberg im reservierten Linienbus.